Hinter den Kulissen von „Ting“

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Internationale Filmproduktion mit maßgeblicher Südtiroler Beteiligung

„Wer schon fertig hat, bitte aufstehen und den Platz für die nächste Gruppe freimachen!“ Mittagessen gibt es also schichtweise in Gruppen mit einem klaren Blick auf effiziente Abläufe – ein Filmset ist kein Wunschkonzert, auch nicht in den Gemäuern des Hospiz St. Florian bei Neumarkt, Schauplatz für einige wichtige Szenen der Produktion „Ting“. „Ting“ ist ein Dark-Fantasy-Drama der Bozner Produktionsfirma Albolina Film in internationaler Co-Produktion.

Es ist eng und stickig in den Kellerräumen des Hospizes St. Florian in Neumarkt, und es herrscht ein unglaubliches Gewusel an Menschen, die behende über schmale Treppen und in verwinkelten Gängen aneinander vorbeihuschen – beinahe lautlos und konzentriert, jede und jeder mit einer präzisen Aufgabe; ausgestattet mit Kopfhörern, tragbaren Bildschirmen, Skripten oder Gegenständen, die sie für ihre jeweilige Aufgabe benötigen. Auf einem kleinen Stuhl an einem Tisch sitzt eine blasse junge Frau mit langen, schwarzen Haaren in einem hellen Kleid an einem kleinen Tisch aus einer anderen Zeit – vor ihr aufgebaut eine Schiene, auf der sich auf Rollen eine Kamera bewegt. Plötzlich donnert eine Stimme durch die Räume bis ins Freie: „Ruhe jetzt – wir drehen!“

„Ting“ ist eine italienisch-britische Filmproduktion, konzipiert und geschrieben vom piemontesischen Regisseur Maximilian Dejoie. Es erzählt die Geschichte eines jungen Mädchens namens „Marilì“, das sich zum Ende des Ersten Weltkriegs in einem Waisenhaus wiederfindet, mitten in der Pandemie der Spanischen Grippe. Die Kriegsjahre haben ihre Kindheit geprägt und die erlittenen Traumata werden leibhaftig – sie nehmen Gestalt an in einer schaurigen Figur namens „Ting“, die die Heranwachsende fortan begleitet und herausfordert.

„Ting“: Die monströse Gestalt erwacht am Filmset tatsächlich zum Leben. Die vollausgestattete Kopfmaske kann sprechen, lachen, grimmig schauen – Mimik, gespeist von einer 12-Volt-Batterie –, der restliche Körper ist aus Latex einem Performer auf den Leib geschneidert und so sind die meisten Szenen mit dem Ungetüm tatsächlich gefilmt und nicht nur digital animiert. Design und Herstellung des Kostüms haben übrigens prominenteste Urheber: Luke Fisher, Gustav Hoegen und Tristan Versluis – alle drei bringen Erfahrung u.a. aus „Star Wars“ mit.

Was aber hat eine solche internationale Filmproduktion mit dem Hospiz St. Florian bei Neumarkt zu tun?

Nun, das geht so: Als Produzentin des Gesamtprojektes zeichnet Albolina Film aus Bozen verantwortlich; Co-Produzenten sind Randan / Ting Film Ltd aus Großbritannien und Cinefonie aus Turin. Begründet ist diese Konstellation vor allem in der Zielsetzung der IDM Film & Music Commission Südtirol, Südtirol als Filmlocation zu positionieren und damit der lokalen Wirtschaft neue Impulse zu geben: von der Logistik bis zum Handwerk am Set. Um die finanzielle Unterstützung der IDM Film & Music Commission Südtirol zu erhalten, müssen durch die Produktion mindestens 150 % der Fördersumme wieder in Südtirol investiert werden. Im Fall von „Ting“ sind es sogar 210 %, unterstreicht Wilfried Gufler, Geschäftsführer von Albolina Film.

Blicken wir nach Neumarkt: Gut 60 Personen sind am Filmset im Hospiz St. Florian am Werk, darunter mehr als 20 Südtiroler Mitwirkende. Darunter Stefano Bernardi aus Meran, der gemeinsam mit Martin Fliri für die Tonaufnahmen zuständig ist – wie so oft zum ersten Mal in einem Team, weil ja jede Produktion immer eine eigene und neu zusammengestellte Gruppe an Beteiligten erfordert: „Es ist wirklich ein Riesenspaß hier, alle arbeiten gerne und gut zusammen.“

Insgesamt 11 Drehtage fanden ab Mitte März 2026 in Südtirol statt – Schauplätze waren neben dem Hospiz St. Florian bei Neumarkt der Porphyrbruch und das Schloss beim Montiggler See, das Mühlenmuseum in Aldein, der Rote Felsen bei Branzoll, der alte Bahnhof Kalditsch in Montan. Besonders spannend war dies für die Darsteller, berichtet stellvertretend die Hauptdarstellerin Mariandrea Cesari, die das Mädchen „Marilì“ spielt. Die 17-jährige stammt aus Ligurien und ist begeistert von ihrer Rolle, den Arbeiten am Filmset und insbesondere auch von den Locations: „Dank dieser Filmproduktion bin ich nun zum ersten Mal in meinem Leben in Südtirol – es gibt so viel Grün hier, die Wälder, die Berge... das gefällt mir besonders gut.“

Eine der Mitwirkenden aus Südtirol ist Sara Pergher aus Sterzing; sie ist für die Requisite am Filmset verantwortlich. Vor rund 11 Jahren hat sie sich nach ihrer Ausbildung in Turin selbständig gemacht und mittlerweile ist „Ting“ bereits ihr 39. Filmprojekt – vor kurzem hatte sie auch am preisgekrönten Film „Vermiglio“ mitgewirkt. Ihre Aufgabe ist es, alles zu besorgen und zu inszenieren, was die Schauspieler am Set für ihre Rolle benötigen – alle Utensilien, die stilecht in jener Zeit zu verorten sind, in der der Film spielt. „Ich studiere dazu das Drehbuch, aber auch Geschichte, um die in der jeweiligen Zeit gebräuchlichen Materialien, den Stil, die Gegenstände zu definieren und zu besorgen.“

Wilfried Gufler, Geschäftsführer von Albolina Film, wirkt zufrieden mit seinem Team aus fixen und freien Mitarbeitern. Als früherer Geschäftsführer des Raetia-Verlages in Bozen hatte er seinerzeit, als IDM Film & Music Commission Südtirol geboren wurde, die Zeichen der Zeit erkannt und Albolina Film gegründet – zunächst als Dienstleister für auswärtige Filmproduktionen. Heute ist Albolina Film selbst Produzent. Zum Kernteam gehört der Produzent Roberto Cavallini, der auch für „Ting“ verantwortlich zeichnet, weiters Produktionsleiter Thomas Saglia, sowie einige zentrale Manager wie Leonardo Pistolato und Elton Istrefi, die für die ordnungsgemäße Abwicklung des Budgets und der Beiträge aus verschiedenen Fonds sowie der Tax Credit sorgen.

Dazu koordiniert Guflers Team sämtliche Freelance-Mitarbeiter, von den erwähnten Fachleuten für Ton und Requisite bis hin zu Location Manager (Giuseppe Zampella), Koordination und Überwachung (Katharina Kammerer und Petra Tschenett), Regieassistenz (Giuseppe Tedeschi), Aufnahmeteam (Julia Alber, Ester Seppi, Marina di Fiore, Marco Di Liello), diversen Technikern (Beniamino Casagrande, Erwin Kofler, Noeh Demetz, Erwin Canderle), Spezialeffekte und Stunts (Diego Marangoni, Jakob Watschinger), Schneiderei (Katja Schweiggl), Hair Stylist (Ingrid Blasbichler) und viele mehr.

Take

Nicht nur der Aufwand für die Produktion für „Ting“ ist groß, sondern auch für die Verwaltung – als internationale Produktion wird sie nicht nur von IDM Film & Music Commission unterstützt, sondern auch von Creative Europa MEDIA, dem italienischen Ministerium für Kultur, Screen Scotland und Film Commission Torino Piemonte. Sie alle benötigen genaueste Berechnungen der Budgets und Ausgaben, damit sie die Förderungen ausbezahlen können.

Südtirol wurde auf diese Weise noch attraktiver für Filmproduktionen und zur wahren Drehscheibe – daher ist Albolina Film aus Bozen vor kurzem eine Partnerschaft mit dem Studio Hamburg eingegangen, einem europaweit führenden Unternehmen für Filmproduktionen und entsprechende Dienstleistungen. Ergebnis: Noch mehr Nachfrage nach internationalen Produktionen, die in Südtirol bzw. bei Albolina Film anklopfen.

Der Südtirol-Effekt, den IDM Film & Music Commission Südtirol einfordert, wirkt sich so weiter aus: Nicht nur direkt an Filmproduktionen beteiligte Dienstleister werden einbezogen, sondern weiterer Zulieferer haben sich spezialisiert. Jedes Filmset ist ein temporärer Mikrokosmos, der für die aufzunehmenden Szenen adaptiert werden muss. Überall braucht es Elektrizität, Toiletten, Raum für Entspannungspausen – und Essen. So wie im Hospiz St. Florian bei Neumarkt: Gutes Essen hebt die Stimmung und steigert die Gesamtqualität. „ÖwieKnödel“ heißt der Caterer, der im Hospiz aufgebaut hat und eine erstaunliche Breite an Speisen bereitstellt – ein Gastronomieunternehmen aus Schnals, das sich auf die Versorgung von Filmsets spezialisiert hat.

Foto Fabian Putzer
Veröffentlicht am 30.04.2026