Local Talents: 3 Fragen an ... Beatrice Segolini

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Beatrice Segolini schloss 2016 ihr Studium an der renommierten Dokumentarfilmschule ZeLIG in Bozen ab und hat sich seither als Filmeditorin und Autorin mit internationalem Profil etabliert. Neben Italienisch spricht sie fließend Französisch und Englisch und versteht zudem Deutsch und Spanisch. Ihre besondere Stärke in der Montage und hinter der Kamera liegt in ihrem ausgeprägten Gespür für Dramaturgie und die vielschichtige Entwicklung von Figuren. Heute arbeitet sie zwischen Schnitt und Regie im Dokumentarfilm und bringt in jedes Projekt ihre eigene künstlerische Handschrift ein.

Take

Als Editorin und Autorin verfügen Sie über ein ausgeprägtes Gespür für Dramaturgie und Figurenentwicklung. Wie lässt sich der emotionale Weg einer Figur im Schneideraum aufbauen oder sogar neu schreiben – besonders im Dokumentarfilm?

Beatrice Segolini

Im Dokumentarfilm ist der Schnitt so etwas wie eine zweite Schreibphase, vielleicht sogar eine zweite Regie. In diesem Moment wird aus dem aufgenommenen Material eine Geschichte, die Form und Bedeutung gewinnt.

Wenn ich mit dem gedrehten Material arbeite, beginne ich zunächst mit meiner Intuition: Ich versuche zu verstehen, was mich berührt und anspricht, was mir die Bilder wirklich erzählen und welche Energie in ihnen liegt. Mich interessiert nicht nur das, was ausdrücklich sichtbar ist, sondern auch das, was fehlt – das, was im Nichtgesagten oder in der Abwesenheit mitschwingt. Oft verbirgt sich gerade dort der spannendste Kern der Geschichte.

Im nächsten Schritt versuche ich, die zentralen Themen zu erkennen und zu begreifen, worum es in dem Film wirklich geht. Sobald das klar ist, fällt es viel leichter, sich im Material zu orientieren und den emotionalen Weg der Figuren zu entwickeln. Jede Kunstform berührt dann, wenn sie archetypische und universelle Elemente ansprechen kann: Auch wenn wir eine sehr spezifische Geschichte erzählen, ist es entscheidend, das Publikum emotional an Erfahrungen und Gefühle heranzuführen, die für alle nachvollziehbar sind. Ein Teil meiner Arbeit besteht genau in der Suche nach diesen Resonanzräumen.

Viele Editorinnen und Editoren beginnen mit der Sichtung des gesamten Materials; ich gehe oft einen anderen Weg und setze beim Wesentlichen an, also bei dem, was der Film erzählen muss. Ausgehend von den Emotionen, die das Material in mir auslöst, versuche ich, das zentrale Konzept, den Kern der Geschichte, zu erfassen. Danach entwickle ich eine erste Vorstellung vom narrativen Bogen – häufig beginne ich dabei mit der Sprache, mit der Seite, mit dem Wort. Die ästhetische, rhythmische und stilistische Suche entsteht für mich meist erst im weiteren Verlauf.

Take

Sie arbeiten sowohl als Editorin als auch als Dokumentarfilmregisseurin. Wie beeinflussen sich diese beiden Tätigkeiten gegenseitig? Hilft Ihnen der Blick der Editorin auch, wenn Sie als Regisseurin am Set stehen?

Beatrice Segolini

In den letzten Jahren habe ich häufiger im Schnitt und in anderen Bereichen der Dokumentarfilmproduktion gearbeitet und war seltener selbst als Regisseurin am Set als noch vor etwa zehn Jahren, als ich meinen Film The Good Intentions realisiert habe.

In jüngerer Zeit habe ich außerdem das dokumentarische Denken auf andere Medien übertragen und Musikvideos, multimediale Found-Footage-Formate, Audio-Dokumentationen, Videoinstallationen und Ähnliches realisiert.

Diese Vielfalt an Erfahrungen ist für mich eine große Stärke. Als Künstlerin, Editorin und Regisseurin bewege ich mich in unterschiedlichen Kontexten und Disziplinen und kann mir dabei eine offene Haltung bewahren. Ich kenne die Dynamiken hinter der Kamera ebenso wie jene im Schneideraum. Ich weiß, was es bedeutet, vor der Kamera zu stehen – und ich weiß auch, wie sensibel es ist, jemanden dazu zu bewegen, sich vor der Kamera zu öffnen, besonders im Dokumentarfilm.

Diese Erfahrung prägt meine Arbeitsweise sehr. Sie hilft mir, nicht nur darauf zu achten, was erzählt werden soll, sondern auch darauf, wie Menschen in den Prozess eingebunden werden. Die Beziehung zu den Protagonistinnen und Protagonisten ist entscheidend und verlangt Einfühlungsvermögen, Aufmerksamkeit und Respekt.

Ich würde mich selbst als eher konzeptuelle Editorin bezeichnen: Für mich ist es wichtig, die innere Struktur eines Projekts, seine Themen und seine Richtung zu verstehen. Die Regisseurin und die Künstlerin in mir arbeiten dabei gemeinsam mit der Editorin. Diese verschiedenen Seiten sind nicht getrennt, sondern bewegen sich gleichzeitig und bereichern einander. Gerade diese geistige Offenheit hilft mir in meiner Arbeit sehr.

Take

Sie haben an der ZeLIG in Bozen studiert und sprechen oder verstehen fünf Sprachen, was Ihnen eine große Beweglichkeit in internationalen Projekten ermöglicht. Wie wichtig ist Ihnen dieser multikulturelle Zugang, und welche Auslandserfahrung hat Ihren Arbeitsstil besonders geprägt?

Beatrice Segolini

Multikulturalität ist für mich nicht nur ein beruflicher Aspekt, sondern Teil meiner Persönlichkeit. In meinem Alltag spreche und träume ich in verschiedenen Sprachen – manchmal sogar in einer Art „Kreolisch“. Diese Mehrsprachigkeit beeinflusst meine Wahrnehmung der Welt, meine Beziehungen zu anderen Menschen und auch meine Arbeitsweise.

Wie viele Kolleginnen und Kollegen fühle ich mich zutiefst als Europäerin. Der Austausch mit unterschiedlichen Kulturen, Sensibilitäten und Arbeitsweisen ist für mich ein wesentlicher Bestandteil meiner Identität. Auch mein Studium der Soziologie hat diesen Blick geschärft: Mich interessiert das Verstehen von Menschen, Kontexten und sozialen Dynamiken, die hinter jeder Geschichte stehen.

Ich glaube außerdem, dass diese Offenheit zunehmend typisch für die heutige Generation ist, die im kulturellen, künstlerischen und filmischen Bereich arbeitet. Heute ist es selbstverständlich, über Ländergrenzen hinweg zu arbeiten, mit internationalen Teams zusammenzuarbeiten und sich mit verschiedenen Sprachen und Kulturen auseinanderzusetzen. Für mich ist das jedoch nicht nur eine berufliche Notwendigkeit, sondern eine Art zu leben und zu denken, die sich zutiefst mit meiner eigenen Persönlichkeit deckt.

Take

Die Local Talents sind von IDM Film & Music Commission ausgewählte Südtiroler Filmschaffende und Fachkräfte, die in der lokalen Filmbranche tätig sind. In Kurzinterviews erzählen sie, was sie an ihrem Beruf und am Film lieben.

Foto Daniele Fiorentino
Veröffentlicht am 21.08.2026